Alexandra: Unvergessen

Am 31. Juli 2009 jährte sich zum vierzigsten Mal der Todestag einer ungewöhnlichen Interpretin. Alexandra war 27 Jahre, ihre Showkarriere befand sich zwei Jahre nach dem Start noch im Steigflug, als sie im Sommer 1969 auf dem Weg in den Sylt-Urlaub tödlich verunglückte. Bis heute ranken sich Mord- und Selbstmordgerüchte um den frühen Tod.

„Sie sind sexuell unbefriedigt.“ Mit dieser plumpen Anmache weckte Beierlein im Herbst 1967 erst Empörung, dann Neugier bei der jungen Sängerin. Sie hatte in Berlin im Vorprogramm eines Adamo-Konzerts die Zuschauer von den Sitzen gerissen. Beierlein erklärte ihr den Zusammenhang von erfülltem Sexleben und guten Bühnenauftritten aus seiner Sicht. So penetrant, dass er ihr Vertrauter, dann Geliebter und Manager wurde. Letzteres blieb er auch, als die private Beziehung zerbrach.

Durch die frühe Ehe mit einem dreissig Jahre älteren Russen war Alexandras Showkarriere erst spät ins Rollen gekommen. Nikolai Nefedov entschwand nach der Trennung Richtung Boston, unter Hinterlassung des Sohnes Sascha (Alexander).

Produzent Fred Weyrich, der talent­suchende Bohlen-Faktor der Sechziger Jahre, gilt als Ent­decker von Doris Treitz, er riet ihr auch zum Künstler­namen Alexandra. Und er überzeugte seine Platten­firma zur ungewöhnlichen Maß­nahme, als erstes eine Lang­spiel­platte auf­zunehmen. Erst Monate später wurde daraus die Single „Zigeuner­junge“ aus­gekoppelt. Band­leader Hazy Osterwald nahm die junge Künstlerin 1967 mit auf Russland­tournee, Star­regisseur Truck Branss drehte mit ihr ein auf­sehen­erregendes TV-Porträt und Beierlein brachte sie mit französischen Chanson­sängern und vor allem mit Udo Jürgens zusammen. Er ermunterte sie auch, eigene Lieder zu schreiben. So entstand mit „Illusionen“ ein inter­nationaler Erfolg: Alexandra dichtete, Udo komponierte. Der Titel („If I never sing another song“) wurde von Sammy Davis jr. auf­genommen, von Shirley Bassey und anderen Stars dieses Kalibers.

Alexandra, geboren im Memel­land (heute Litauen), wurde von Beierlein und Weyrich als Künstlerin mit russischer Seele aufgebaut. Die tiefe melodische Stimme, die slawisch geprägten Gesichts­züge, die geheimnis­volle Melancholie und eine unbe­rechenbare Explosions­kraft be­eindruckten einfluss­reiche Männer in der Musik- und TV-Szene. Es gab keine Unterhaltungs­sendung in Deutsch­land, in der Beierlein Alexandra nicht unter­brachte. Sie hetzte von Auftritt zu Auftritt, tourte durch Süd­amerika, verliebte und entliebte sich mehrfach – und fühlte sich physisch und psychisch ausgelaugt, als sie zum ersten Urlaub in ihrer zweijährigen Steil-Karriere aufbrach.

Auf einer Kreuzung im holsteinischen Tellingstedt nahm Alexandra einem LKW die Vorfahrt. Sie starb in den Trümmern ihres Mercedes 220 SE, ebenfalls ihre Mutter. Nur Sohn Sascha überlebte auf der Rückbank. Er wuchs beim Vater in Boston auf, ist ebenfalls Musiker und kommt einmal im Jahr nach Deutschland, um die Tantiemen aus den Plattenverkäufen seiner Mutter abzurechnen.

„Alexandras Plattenverkäufe sind nach ihrem Tod explosionsartig in die Höhe geschossen“, sagt Beierlein. Zu ihren Lebzeiten kamen drei LPs heraus, nach ihrem Tod bislang unendlich viele – an den meisten Titeln hält montanamedia die Rechte. Der Song „Mein Freund, der Baum“ wurde 1969 erst posthum als Single ausgekoppelt, entwickelte sich zu einer Hymne der Umweltschützer – und wer zählt sich nicht dazu? Als die „FreizeitRevue“ unlängst eine Leserumfrage der beliebtesten Lieder des Jahrhunderts initiierte, landete der Baum-Song auf Rang drei.

Beierleins Erinnerung an Alexandra ist indes nicht nur kommerziell geprägt: „Sie hat die schönsten Liebesbriefe der Welt geschrieben.“ So schön und bewegend, dass er sie bis heute aufbewahrt.



Fotos: © Archiv montana