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Helen Vita: Frecher geht´s nicht

Brecht entdeckte ihre Komik, Staatsanwälte machten sie populär:
Nahezu täglich hatten Hans R. Beierlein und seine Edition Montana mit Staats­anwälten zu tun – jahre­lang. Dabei ging's nicht um Mädchen­handel, nicht um Waffen­geschäfte, nicht um Bankraub. Es ging um kleine Texte, über die man heute amüsiert schmunzelt. An­fang der Sechziger Jahre aber trieben sie Staats­anwaltschaft und Bundes­prüf­stelle die Schamröte ins Gesicht und ließen sie in über­eifrigen Ver­folgswahn verfallen.

In Frankreich hat man sich seit Menschen­gedenken mit frivolen Liedern an Fürsten­höfen, in Variétés und in Bordellen amüsiert. In Platten­rillen gepresst wurden sie im Nach­kriegs­frankreich ein ziemlicher Erfolg. Beierlein, der die sexuelle Befreiungs­welle der Deutschen parallel mit Oswalt Kolle erahnte, ließ die Texte übersetzen. In Walter Brandin fand er einen kon­genialen Dichter, der die francophilen Frivolitäten in die Sprache Goethes umtextete. Die richtige Inter­pretin fand Beierlein in einer 35-jährigen Schau­spielerin und Chansonette, die in Spiel­filmen und im Kabarett vor­wiegend dralle Rollen übernahm: Helen Vita.

1963 kam eine Lang­spielplatte mit dem Titel „Freche Chansons aus dem alten Frankreich“ auf den Markt und erregte spontan den Unmut eines Staats­anwaltes: „Solche Dinge gehören ins Dunkel und vor allem nicht gesungen!“ schrieb er schmal­lippig an die montana. Die reagierte rasch und brachte „Noch frechere Chansons“ auf den Markt. Beierlein: „Natürlich durften die Lieder weder im Radio und erst recht nicht im Fern­sehen gespielt werden. Die Programm­macher wurden per Ukas angewiesen, die Platten mit einem Nagel un­brauchbar zu machen oder im Gift­schrank auf­zubewahren. Die Cover er­hielten den Auf­druck "Für Jugendliche verboten" und durften nur unterm Laden­tisch aufbewahrt werden. Das hat die Ver­käufe ungemein beflügelt.“ Parallel und medien­mäßig höchst verwertbar erhielt Helen Vita für ihre Werke gleich zweimal den Deutschen Schall­plattenpreis, die Vor­gänger­trophäe des „Echo“.

Texter Walter Brandin gingen die französischen Vorlagen aus, er bediente sich schließlich auch beim pikanten Volksgut in England und Amerika. Sechs noch heute begehrte Sammlerstücke entstanden, zu guter Letzt „Die 20 frechsten der frechen Chansons“. Dann war die Luft raus, seit den 68ern wurde über Sexualität nicht mehr feingeistig frivol gesprochen oder gesungen, sondern offen und derb.

Helen Vita drehte noch zahlreiche Filme und Fernsehstücke, sie stand als brillante Tucholski- und Brecht-Interpretin auf der Bühne. 2001 starb sie im Alter von 72 Jahren.

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