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Hans R. Beierlein - was macht er eigentlich?

Liebe Kinder haben viele Namen, böse Manager erst recht. Vornehmlich der „Spiegel“ war sehr erfinderisch, wenn er sich Hans R. Beierlein mal wieder zur Brust nahm: Mal war er der „Bayerische Goldfinger“, dann der „Münchener Mabuse“, ein anderes Mal der „Weiße Hai im Wunderland“ oder etwas putziger der „Goldhamster im deutschen Showgeschäft“. Der Manager galt dem „Spiegel“ auch als „Hans Dampf Beierlein“ oder zeitgemäßer als der „Schnellste Brüter der Branche“. Einmal verletzte man Copyrights mit dem Titel „Das Bayerische Motorenwerk“ und zu guter Letzt war er operettenhaft „Der Schunkel-Baron“.

Für Beierlein sind es Ehrentitel: „Hai gefällt mir. Wenn man mich Branchenregenwurm nennen würde, ginge ich auf die Barrikaden.“ Doch die Assoziation mit dem Kriechtier fällt schwer bei einem Mann, dem im Leben keine Hürde zu hoch, kein Gegner zu stark war. Er hatte die gesamte öffentlich-rechtliche Medienlandschaft gegen sich, als er dem DFB Fußballrechte abkaufte. Das weltumspannende sozialistische Lager rieb sich die roten Augen, als der Bilderbuchkapitalist die Klassenhymne „Internationale“ erwarb. Und bis heute beglückt er die Nation hemmungslos mit quotenstarken Volksmusik-Sendungen, obwohl er damit Deutschlands Werber-Riege gegen sich aufbringt. Sie macht unter den Fans keine werberelevante Truppe younger than fourty-nine aus.

Dieser Gruppe ist er längst entfleucht. Im April 2009 wurde Hans R. Beierlein achtzig. Er reflektiert: „Ich war in meinem ganzen Leben nicht einen einzigen Tag angestellt. Ich wollte niemanden haben, den ich fragen muss, darf ich das. Ich habe gemacht, was ich wollte. Wenn ich gut bestrahlt war, dann war das ein Erfolg, wenn ich schlecht bestrahlt war, dann war es kein Erfolg.“ Erst vor zehn Jahren machte er Bizzi Nießlein, eine seiner zwanzig, fast ausschließlich weiblichen, Angestellten, zur Geschäftsführerin und einige Jahre später zur Miteigentümerin. Dennoch steckt er stramm im Geschirr, aus Selbsterhaltungstrieb: „Aufhören? Ich weiß, dass ich 14 Tage später sterben würde.“

Das erfüllte Leben begann am 19. April 1929 in Nürnberg. Hans Rudolf war ein Einzelkind, das den biederbürgerlichen Eltern – Papa war Angestellter – Sorgen für zehn machte: Dreimal fiel Hans durch die Abschlussprüfung, dann flog er 1948 endgültig von der Oberrealschule.

Ihm schwante schon früh, was er mal werden wollte: „Nicht Lokomotivführer, sondern Journalist.“ Sein Taschengeld investierte er in die spärlichen Druckerzeugnisse der Nachkriegszeit. Und als er in einer Zeitung las, dass im Kulturvereins-Haus Fürth eine Misswahl stattfand, raffte er allen spätpubertären Mut auf, belog den Veranstalter, er sei künftiger Chefredakteur einer künftigen Illustrierten und wurde in die Jury eingeladen. Das erste Sektglas seines Lebens genoss er bis zum Schluss, verließ als Letzter das Gebäude und vernahm, dass sich auf der Toilette die Zweitplatzierte und die Siegerin lautstark prügelten. Die Weltsensation telefonierte er morgens von einer Hauptbahnhof-Telefonzelle an die „Abendzeitung“ in München durch. Er initiierte die erste Boulevard-Schlagzeile seines Lebens, kassierte die ersten fünf Mark Honorar und wurde fortan regelmäßig von der „Abendzeitung“ beschäftigt. Er schrieb als Nürnberger Korrespondent Buch-, Theater- und Filmkritiken, und obwohl er nach eigener Aussage „von Musik soviel versteht wie ein Pinguin“ wurde er sogar zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth entsandt. „Meine Mutter“, sagt er, „war über diese Chuzpe so entsetzt, dass wir uns beinahe entzweit haben.“

1953 zog der Selfmade-Journalist nach München, übernahm die Redaktion der Fachzeitschrift „Film-Echo“, schrieb eine tägliche Filmkolumne für die „Abendzeitung“ und griff unter einem Dutzend Pseudonymen auch für „Stern“, „Bunte“, „Revue“, „Spiegel“ und „Deutsche Illustrierte“ in die Tasten. Alle Artikel stehen, säuberlich in zahlreiche Leinenbände gebunden, in der Sentimalecke seiner montana-Zentrale in der Münchener Königinstraße.

Als „Filmbeauftragter der Deutschen Grammophon Gesellschaft“ schrieb Beierlein Ende der 50er Jahre nicht mehr über Filme und Macher, er wurde selbst zum Macher. Beschaffte Liederrechte für Musikfilme, erst im Auftrag, dann auf eigene Rechnung und eigenes Risiko.

„Ich habe“, sagt er, „schnell begriffen, dass mit einem Musikverlag auf Dauer gutes Geld zu verdienen war, wenn man die richtige Nase hatte.“ Seine erwies sich als Trüffelschnüfler: Im Gründungsjahr der Edition Montana 1959 landete er gleich drei Hits. Im selben Jahr erfand er auch die Fachzeitschrift „Musikmarkt“ und mit ihr die erste deutsche Hitparade. So steht 2009 gleich ein dreifaches fünfzigjähriges Jubiläum an: montana, der „Musikmarkt“ und die deutsche Hitparade.

Schnell lebte er auf großem Fuß. Ließ sich per Luxuskarosse chauffieren, wohnte in Tophotels, verkehrte bei Sterne-Köchen, trug Kaschmir und Maßgeschnitztes, baute eine Traumvilla. Der ehemalige Interviewer wurde zum Interviewten. Er hatte ja was zu sagen, zumal er inzwischen nicht nur Musiktitel verlegte, sondern seinen Künstlern auch die Karriereleitern zimmerte. Udo Jürgens allen voran, aber auch Alexandra, Helen Vita, die Ofarims und die Topstars aus Frankreich, zu deren Songs er eine besondere Affinität entwickelte. Er achtete beim Einbringen des Saatguts nicht auf Sortenreinheit – einen Heino betreute er ebenso wie einen André Heller. Wobei er unter Betreuen nicht das bloße Abkassieren verstand: „Unsere Künstler haben immer Vollservice genossen. Vom Einstecktuch bis zum Scheidungsanwalt.“

Schnell kompensierte Beierlein seine Stärke mit einer offensichtlichen Mangelerscheinung: „Das Fernsehen hat Antennen, aber keine Ideen. Ich habe die Ideen, aber keine Antennen.“ So gut wie nie ist Beierleins Name im Nachspann einer Fernsehsendung aufgetaucht – aber die Zahl der Shows, die von ihm konzipiert, bestückt und organisiert wurden, ist nicht abschätzbar. Und weil Hans nie ein Hänschen war, dealte er nicht mit Redakteurchen, sondern mit Intendanten und Direktoren.

Als „Mediengemischtwarenhändler“ betitelte Altbundeskanzler Helmut Schmidt den Manager bei einem Abendessen im Hause des gemeinsamen Freundes Justus Frantz. Beierlein hatte ihm einen kleinen Einblick in das Charivari seines Tuns gegeben: Zum Beispiel die zahlreichen Schmaus-Serien von „Essen wie Gott in Deutschland“ bis „Bocuse kocht deutsch“. Oder Beierleins eingelochte Fußballelfer: Den Antritt der Nationalmannschaft zum Hit „Fußball ist unser Leben“ oder den Beitritt des DFB zum Kreis der millionenschweren Rechteverwerter. Eine millionenschwere Spendenflut bescherte er auch vielen Hilfsorganisationen durch Benefiz-Platten, die sich dank TV-Präsenz zur musikalischen Sammelbüchse der Nation entwickelten. Er gründete ein Rocklabel namens „Starclub“ und erfand Deutschlands erste Clipshow „Formel Eins“, bei der er – wie bei vielen anderen Aktionen – durch Merchandising-Produkte kräftig absahnte. Das war denn auch seine Motivation, denn „Zu dieser Musik habe ich keinen direkten Bezug“, offenbart er mit geringem Überraschungseffekt.

Weitaus näher lag ihm das Engagement für einen lange brachliegenden Zweig des Showgeschäfts, die volkstümliche Musik. Ihr widmet sich Beierlein seit den frühen 80er Jahren mit Inbrunst. An die 500 einschlägige TV-Sendungen hat er seither initiiert, ungezählte schunkelnde Interpreten unter Vertrag genommen und Tausende von Musiktiteln seinem Verlag einverleibt. Ein Goldschatz, der wegen der einschlägigen Nachfrage auf Volks- und Heimatfesten die Gefahr der Verarmung weit unter 0 Prozent drückt.

An dieser Prozentrechnung arbeitet Beierlein seit den Fünfziger Jahren: „Die Droge Erfolg ist die Triebfeder meines Tuns. Und Erfolg lässt sich auf dem Konto ablesen.“ Die Überlegung, wie man durch Lizenz- und Merchandisingaktivitäten Geld einspielt, war stets allgegenwärtig. Und dass er als Manager zum Nulltarif für seine Künstler tätig war, wurde nie vermutet. Die Medienkolportage „Mister 40 Prozent“ ließ er undementiert. Sein Lebensstil ist sehr gepflegt aber durchaus bodenständig. Er hat weder Yacht noch Jet, und auch zur Münchener „Kir Royal“-Schickeria fehlt ihm der Zugang und das Verlangen danach. Allerdings hat er stets nah am Wasser gebaut. Von der bayerischen Traumvilla blickt er über den Schliersee, vom Millionenchalet an der Cote übers Mittelmeer.

Im achtzigsten Lebensjahr kann Hans R. Beierlein durchaus Sprüche säuseln wie: „Mit zunehmendem Alter habe ich die Menschen lieben gelernt.“ Er ist dabei freilich nicht am Lügendetektor angeschlossen; es gibt Menschen in seiner Umgebung, die ihm Emotionen wie Liebe so wenig zutrauen, wie Selbstzweifel. Immerhin gesteht er heute freimütig Fehler ein: „Die Trennung von Udo war vielleicht nicht zu vermeiden. Aber wir hätten uns dabei nicht benehmen dürfen wie die Proleten.“ Auch dass er sich in den Siebzigern als Supermacho mit entblößten Mädels ablichten ließ: „Ein bescheuerter Einfall.“

Nicht dass er was gegen entblößte Mädels hätte, beeilt er sich rasch zu versichern. Und erzählt vom Erfolg mit gedruckten Visitenkarten, die er dereinst vom Kellner den Damen am Nebentisch servieren ließ: „Ich möchte mit Ihnen schlafen. Wenn Sie es auch wollen, lächeln Sie bitte.“ Soll gewirkt haben. Ohnedies, Erfolg macht sexy und der Charme und die frechen, unerwachsenen Sprüche tun das ihre. Mit mancher Künstlerin ging’s erstmal unter die Decke, mit Mitarbeiterinnen auch, mit Journalistinnen und Moderatorinnen. Zweimal veranstaltete er selber Miss-Germany-Wahlen, was seinen Ruf als Womanizer nicht abträglich war. Zimperlich ging er nie mit den Frauen um, die seinen Weg begleiteten, aber auch er musste natürlich Enttäuschungen wegstecken. Seine Kurzzeitehe Anfang der 60er Jahre hat dabei die geringsten Narben hinterlassen. Michael Jürgs, Ex-Sternchef und Bestseller-Autor glaubt ihn gut zu kennen: „Der als zynischer Abzocker geltende Frauenheld hat auch eine Seele.“

Beierleins Talent, mit Worten zu jonglieren, Pointen passgenau zu setzen und damit zu überzeugen, ist sein größtes Kapital. Er beginnt stets mit sanfter, Allwissen suggerierender Stimme, holt einlullend aus, und kommt dann mit der ritualen Floskel „langer Rede kurzer Sinn“ auf den Punkt. Und der ist in der Regel klar formuliert und unumstößlich und nicht immer im Sinne des Gegenübers. Wenn doch, sollen beide Seiten was davon haben. „Die Ideen“, sagt er, „liegen ungenützt am Straßenrand. Ich gebe sie an die richtigen Leute in der richtigen Stimmung mit den richtigen Worten und der richtigen Verpackung weiter.“

„Man sollte nie ohne Tonband zu ihm gehen, denn die Begegnungen mit ihm sind originell und einzigartig.“ Zitat Justus Frantz. Nach wie vor versprüht Beierlein täglich Ideen und Pläne, verfolgt sie aber, Tribut ans Weißhaar, nicht mehr mit dem harten Biss der frühen Jahre. Er haftet dank täglich konsumierter Zeitungsstapel am Zahn der Zeit, auch wenn ihn die moderne Technik – vom Internet bis zum Handy – wenig fasziniert. Seine Gedanken drückt er nicht in Displays, sondern kritzelt sie, wie seit Jahrzehnten, auf Zettel und rückseitige Visitenkarten. Statt Emails und SMS verschickt er Faxe und wenn er die Texte für seinen Internet-Newsletter „Info-Navigator“ tippt, zieht er das gute alte Diktiergerät hervor. Eine montana-Homepage nahm er erst Ende 2008 in Angriff, nicht gerade in den Kindertagen des World Wide Web.

Mit achtzig keine Gedanken an die Endlichkeit zu haben, würde seiner Intelligenz Hohn sprechen. Er hat vorgesorgt. „montana wird in der derzeitigen Form weiterbestehen“, sagt er. Die Zukunft von Beier- heißt Nießlein. Waltraud, von der Großmutter Bizzi genannt und vom Rest der Welt dann auch, kam vor 22 Jahren zur montana. Sie beeindruckte Beierlein: „Durch ihren steierischen Charme, ihr Hineinwachsen selbst in juristische Dinge und ihren gesunden Menschenverstand. Bizzi wird ernst genommen – auch von den obersten Heeresleitungen.“ Sie wurde zur engen Vertrauten, dann zur Mit-Geschäftsführerin und zur Teilhaberin.

Vorstellbar ist montanamedia ohne den Gründer und Hochleistungsmotor schwerlich. Aktuell ist es auch nicht zu befürchten. Hans R. Beierlein wirkt pumperlgsund, leistet sich einen Fitnessguru und tritt regelmäßig in die Ergometer-Pedale. Seit ewigen Jahren weigert er sich, zu Beerdigungen zu gehen, nur eines verspricht er: „Zu meiner eigenen, da gehe ich.“ Der Mann traut sich halt was zu.

Hubert Bücken

© 2012 Montana Musik Verlag GmbH & Co. KG