Hans R. Beierlein – was macht er eigentlich?

Liebe Kinder haben viele Namen, böse Manager erst recht.
Vornehmlich der „Spiegel“ war sehr erfinderisch, wenn er sich den Medienmanager Hans R. Beierlein mal wieder zur Brust nahm: Mal war der montana-Chef der „Bayerische Goldfinger“, dann der „Münchener Mabuse“, ein anderes Mal der „Weiße Hai im Wunderland“ oder etwas putziger der „Goldhamster im deutschen Showgeschäft“. Der Manager galt dem „Spiegel“ auch als „Hans Dampf Beierlein“ oder zeitgemäßer als der „Schnellste Brüter der Branche“. Einmal verletzte man Copyrights mit dem Titel „Das Bayerische Motorenwerk“ und zu guter Letzt war er operettenhaft „Der Schunkel-Baron“.

Für Beierlein sind es Ehrentitel: „Hai gefällt mir. Wenn man mich Branchenregenwurm nennen würde, ginge ich auf die Barrikaden.“ Doch die Assoziation mit dem Kriechtier fällt schwer bei einem Mann, dem im Leben keine Hürde zu hoch, kein Gegner zu stark war. Er hatte die gesamte öffentlich-rechtliche Medienlandschaft gegen sich, als er dem DFB Fußballrechte abkaufte. Das weltumspannende sozialistische Lager rieb sich die roten Augen, als der Bilderbuchkapitalist die Klassenhymne „Internationale“ erwarb. Und zuletzt beglückte er die Nation hemmungslos mit quotenstarken Volksmusik-Sendungen, obwohl er damit Deutschlands Werber-Riege gegen sich aufbrachte. Sie macht unter den Fans keine werberelevante Truppe younger than fourty-nine aus.

Dieser Gruppe ist Beierlein, inzwischen die Neunziger ansteuernd, längst entfleucht. Er reflektiert: „Ich war in meinem ganzen Leben nicht einen einzigen Tag angestellt. Ich wollte niemanden haben, den ich fragen muss, darf ich das. Ich habe gemacht, was ich wollte. Wenn ich gut bestrahlt war, dann war das ein Erfolg, wenn ich schlecht bestrahlt war, dann war es kein Erfolg.“ Ende der 1990er Jahre machte er Bizzi Nießlein, eine seiner zwanzig, fast ausschließlich weiblichen, Angestellten, zur Geschäftsführerin und einige Jahre später zur Miteigentümerin. Obwohl er sich aus dem aktiven Geschäftsbetrieb natürlich zurückgezogen hat, gilt der Medienbranche und dem Showbiz sein waches Interesse. Aus Selbsterhaltungstrieb: „Aufhören? Ich weiß, dass ich 14 Tage später sterben würde.“

Hannes Obermaier und HRB – einst Konkurrenten, später Freunde.

START

Und daran fehlt ihm noch jedes Interesse angesichts eines prall erfüllten Lebens. Es begann am 19. April 1929 in Nürnberg. Hans Rudolf war ein Einzelkind, das den biederbürgerlichen Eltern – Papa war Angestellter – Sorgen für zehn machte: Dreimal fiel Hans durch die Abschlussprüfung, dann flog er 1948 endgültig von der Oberrealschule.

Ihm schwante schon früh, was er mal werden wollte: „Nicht Lokomotivführer, sondern Journalist.“ Sein Taschengeld investierte er in die spärlichen Druckerzeugnisse der Nachkriegszeit. Und als er in einer Zeitung las, dass im Kulturvereinshaus Fürth eine Misswahl stattfand, raffte er allen spätpubertären Mut auf, belog den Veranstalter, er sei künftiger Chefredakteur einer künftigen Illustrierten und wurde in die Jury eingeladen. Das erste Sektglas seines Lebens genoss er bis zum Schluss, verließ als Letzter das Gebäude und vernahm, dass sich auf der Toilette die Zweitplatzierte und die Siegerin lautstark prügelten. Die Weltsensation telefonierte er morgens von einer Hauptbahnhof-Telefonzelle an die „Abendzeitung“ in München durch. Er initiierte die erste Boulevard-Schlagzeile seines Lebens, kassierte die ersten fünf Mark Honorar und wurde fortan regelmäßig von der „Abendzeitung“ beschäftigt. Er schrieb als Nürnberger Korrespondent Buch-, Theater- und Filmkritiken, und obwohl er nach eigener Aussage „von Musik soviel versteht wie ein Pinguin“ wurde er sogar zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth entsandt. „Meine Mutter“, sagt er, „war über diese Chuzpe so entsetzt, dass wir uns beinahe entzweit haben.“

1953 zog der Selfmade-Journalist nach München, übernahm die Redaktion der Fachzeitschrift „Film-Echo“, schrieb eine tägliche Filmkolumne für die „Abendzeitung“ und griff unter einem Dutzend Pseudonymen auch für „Stern“, „Bunte“, „Revue“, „Spiegel“ und „Deutsche Illustrierte“ in die Tasten. Alle Artikel stehen, säuberlich in zahlreiche Leinenbände gebunden, in der Sentimalecke eines Lagerraums.

Als „Filmbeauftragter der Deutschen Grammophon Gesellschaft“ schrieb Beierlein Ende der 50er Jahre nicht mehr über Filme und Macher, er wurde selbst zum Macher. Beschaffte Liederrechte für Musikfilme, erst im Auftrag, dann auf eigene Rechnung und eigenes Risiko.

Kurze Ehe mit Antje Geerk

DURCHBRUCH

„Ich habe“, sagt er, „schnell begriffen, dass mit einem Musikverlag auf Dauer gutes Geld zu verdienen war, wenn man die richtige Nase hatte.“ Seine erwies sich als Trüffelschnüfler: Im Gründungsjahr der Edition Montana 1959 landete er gleich drei Hits. Im selben Jahr erfand er auch die Fachzeitschrift „Musikmarkt“ und mit ihr die erste deutsche Hitparade.

Schnell lebte er auf großem Fuß. Ließ sich per Luxuskarosse chauffieren, wohnte in Tophotels, verkehrte bei Sterne-Köchen, trug Kaschmir und Maßgeschnitztes, baute eine Traumvilla. Der ehemalige Interviewer wurde zum Interviewten. Er hatte ja was zu sagen, zumal er inzwischen nicht nur Musiktitel verlegte, sondern seinen Künstlern auch die Karriereleitern zimmerte. Udo Jürgens allen voran, aber auch Alexandra, Helen Vita, die Ofarims und die Topstars aus Frankreich, zu deren Songs er eine besondere Affinität entwickelte. Er achtete beim Einbringen des Saatguts nicht auf Sortenreinheit – einen Heino betreute er ebenso wie einen André Heller. Wobei er unter Betreuen nicht das bloße Abkassieren verstand: „Unsere Künstler haben immer Vollservice genossen. Vom Einstecktuch bis zum Scheidungsanwalt.“

Schnell kompensierte Beierlein seine Stärke mit einer offensichtlichen Mangelerscheinung: „Das Fernsehen hat Antennen, aber keine Ideen. Ich habe die Ideen, aber keine Antennen.“ So gut wie nie ist Beierleins Name im Nachspann einer Fernsehsendung aufgetaucht – aber die Zahl der Shows, die von ihm konzipiert, bestückt und organisiert wurden, ist nicht abschätzbar. Und weil Hans nie ein Hänschen war, dealte er nicht mit Redakteurchen, sondern mit Intendanten und Direktoren.

VOLLTREFFER

Als „Mediengemischtwarenhändler“ betitelte Altbundeskanzler Helmut Schmidt den Manager bei einem Abendessen im Hause des gemeinsamen Freundes Justus Frantz. Beierlein hatte ihm einen kleinen Einblick in das Charivari seines Tuns gegeben: Zum Beispiel die zahlreichen Schmaus-Serien von „Essen wie Gott in Deutschland“ bis „Bocuse kocht deutsch“. Oder Beierleins eingelochte Fußballelfer: Den Antritt der Nationalmannschaft zum Hit „Fußball ist unser Leben“ oder den Beitritt des DFB zum Kreis der millionenschweren Rechteverwerter. Eine millionenschwere Spendenflut bescherte er auch vielen Hilfsorganisationen durch Benefiz-Platten, die sich dank TV-Präsenz zur musikalischen Sammelbüchse der Nation entwickelten. Er gründete ein Rocklabel namens „Starclub“ und erfand Deutschlands erste Clipshow „Formel Eins“, bei der er – wie bei vielen anderen Aktionen – durch Merchandising-Produkte kräftig absahnte. Das war denn auch seine Motivation, denn „Zu dieser Musik habe ich keinen direkten Bezug“, offenbart er mit geringem Überraschungseffekt.

Weitaus näher lag ihm das Engagement für einen lange brachliegenden Zweig des Showgeschäfts, die volkstümliche Musik. Ihr widmet sich Beierlein seit den frühen 80er Jahren mit Inbrunst. An die 500 einschlägige TV-Sendungen hat er seither initiiert, ungezählte schunkelnde Interpreten unter Vertrag genommen und Tausende von Musiktiteln seinem Verlag einverleibt. Ein Goldschatz, der wegen der einschlägigen Nachfrage auf Volks- und Heimatfesten die Gefahr der Verarmung weit unter null Prozent gedrückt hat.
An dieser Prozentrechnung arbeitet Beierlein seit den Fünfziger Jahren: „Die Droge Erfolg ist die Triebfeder meines Tuns. Und Erfolg lässt sich auf dem Konto ablesen.“ Die Überlegung, wie man durch Lizenz- und Merchandisingaktivitäten Geld einspielt, war stets allgegenwärtig. Und dass er als Manager zum Nulltarif für seine Künstler tätig war, wurde nie vermutet. Die Medienkolportage „Mister 40 Prozent“ ließ er undementiert. Sein Lebensstil ist sehr gepflegt aber durchaus bodenständig. Er hat weder Yacht noch Jet, und auch zur Münchener „Kir Royal“-Schickeria fehlte ihm stets der Zugang und das Verlangen danach. Allerdings hat er gern nah am Wasser gebaut. Von der bayerischen Traumvilla blickt er über den Schliersee, vom Millionenchalet an der Cote übers Mittelmeer.

GEFÜHLE

Im neunten Lebensjahrzehnt kann Hans R. Beierlein durchaus Sprüche säuseln wie: „Mit zunehmendem Alter habe ich die Menschen lieben gelernt.“ Er ist dabei freilich nicht am Lügendetektor angeschlossen; es gibt Menschen in seiner Umgebung, die ihm Emotionen wie Liebe so wenig zutrauen, wie Selbstzweifel. Immerhin gesteht er heute freimütig Fehler ein: „Die Trennung von Udo war vielleicht nicht zu vermeiden. Aber wir hätten uns dabei nicht benehmen dürfen wie die Proleten.“ Auch dass er sich in den Siebzigern als Supermacho mit entblößten Mädels ablichten ließ: „Ein bescheuerter Einfall.“ Nicht dass er was gegen entblößte Mädels hätte, beeilt er sich rasch zu versichern. Und erzählt vom Erfolg mit gedruckten Visitenkarten, die er dereinst vom Kellner den Damen am Nebentisch servieren ließ: „Ich möchte mit Ihnen schlafen. Wenn Sie es auch wollen, lächeln Sie bitte.“ Soll gewirkt haben. Ohnedies, Erfolg macht sexy und der Charme und die frechen, unerwachsenen Sprüche tun das ihre. Mit mancher Künstlerin ging’s erstmal unter die Decke, mit Mitarbeiterinnen auch, mit Journalistinnen und Moderatorinnen. Zweimal veranstaltete er selber Miss-Germany-Wahlen, was seinen Ruf als Womanizer nicht abträglich war. Zimperlich ging er nie mit den Frauen um, die seinen Weg begleiteten, aber auch er musste natürlich Enttäuschungen wegstecken. Seine Kurzzeitehe Anfang der 60er Jahre hat dabei die geringsten Narben hinterlassen. Michael Jürgs, Ex-Sternchef und Bestseller-Autor glaubt ihn gut zu kennen: „Der als zynischer Abzocker geltende Frauenheld hat auch eine Seele.“

ZDF-Redakteur Gerd Bauer, Dalida, HRB, Michael Heltau

WEITSICHT

Beierleins Talent, mit Worten zu jonglieren, Pointen passgenau zu setzen und damit zu überzeugen, ist sein größtes Kapital. Er beginnt stets mit sanfter, Allwissen suggerierender Stimme, holt einlullend aus, und kommt dann mit der ritualen Floskel „langer Rede kurzer Sinn“ auf den Punkt. Und der ist in der Regel klar formuliert und unumstößlich und nicht immer im Sinne des Gegenübers. Wenn doch, sollen beide Seiten was davon haben. „Die Ideen“, sagt er, „liegen ungenützt am Straßenrand. Ich habe sie an die richtigen Leute in der richtigen Stimmung mit den richtigen Worten und der richtigen Verpackung weitergegehen.“

„Man sollte nie ohne Tonband zu ihm gehen, denn die Begegnungen mit ihm sind originell und einzigartig.“ Zitat Justus Frantz. Nach wie vor versprüht Beierlein täglich Ideen und Pläne, verfolgt sie aber, Tribut ans Weißhaar, nicht mehr mit dem harten Biss der frühen Jahre. Er haftet dank täglich konsumierter Zeitungsstapel am Zahn der Zeit, auch wenn ihn die moderne Technik – vom Internet bis zum Handy – wenig fasziniert. Seine Gedanken drückt er nicht in Displays, sondern kritzelt sie, wie seit Jahrzehnten, auf Zettel und rückseitige Visitenkarten. Eine montana-Homepage nahm er erst Ende 2008 in Angriff, nicht gerade in den Kindertagen des World Wide Web.

In seinem Alter keine Gedanken an die Endlichkeit zu haben, würde seiner Intelligenz Hohn sprechen. Ein Treppensturz im Sommer 2013 ging – lediglich mit Schulterbruch – glimpflich ab. Doch schon damals hatte er Er hat vorgesorgt. „montanamedia wird weiterbestehen“, sagt er. Die Zukunft von Beier- heißt Nießlein. Waltraud, von der Großmutter Bizzi genannt und vom Rest der Welt dann auch, kam vor rund dreißig Jahren zur montana. Sie beeindruckte Beierlein: „Durch ihren steierischen Charme, ihr Hineinwachsen selbst in juristische Dinge und ihren gesunden Menschenverstand. Bizzi wird ernst genommen – auch von den obersten Heeresleitungen.“ Sie wurde zur engen Vertrauten, dann zur Mit-Geschäftsführerin und zur Teilhaberin. 2014 handelte sie mit BMG Rights Management einen lukrativen Deal aus. Der weltweit agierende Musikverwerter übernahm die Rechte an über 5.000 montana-Titeln, was montanamedia von immensen Verwaltungsaktivitäten und einhergehendem Personalaufwand entband. Statt aus der 300-Quadratmeter-Villa in der Königinstraße wird die Firma nun von einer Büroetage in Schwabing dirigiert. Beierlein selbst gönnt sich den altersangebrachten Luxus, nicht mehr täglich im Büro zu erscheinen. Regelmäßig trifft er sich mit Wegbegleitern, auch wenn sich deren Zahl aufgrund himmlischer Beschlüsse zunehmend reduziert. Er weigert sich seit ewigen Jahren, zu Beerdigungen zu gehen, nur eines verspricht er: „Zu meiner eigenen, da gehe ich.“ Der Mann traut sich halt was zu.

 

Vom Autor aktualisierter Text, entnommen dem Buch „Anders als andere“ von Hubert Bücken (Verlag Zeitgeist Media, Düsseldorf)

Gilbert Becaud nannte ihn „Mon cher Papa“

Erfolgsgespann: Beielein und Stefanie Hertel

2010: Verleihung der LEA-Trophäe fürs Lebenswerk

Enge Vertraute seit drei Jahrzehnten: montana-Gründer Hans R. Beierlein und Geschäftsführerin Bizzi Nießlein im August 2017

Gesagt ist gesagt

Erkenntnisse von Hans R. Beierlein

„Es hat mir sehr geholfen, den Ruf zu haben: Wenn du dem die Hand gibst, zähle deine Finger nach.“

„Die Ideen liegen ungenützt am Straßenrand. Ich gebe sie an die richtigen Leute in der richtigen Stimmung mit den richtigen Worten und der richtigen Verpackung weiter.“

„Die Fernsehsendung selbst ist ein Vorgang. Die Verwertung der Emotionen, die aus einer Sendung entstehen, ist der andere Vorgang.“

„Von der Vermarktung der ZDF-Serie ‚Essen wie Gott in Deutschland’ könnte ich mein Leben lang leben.“

„Die Droge Erfolg – damit bin ich gedopt.“

„Warum soll man die Bekanntschaften und Freundschaften, die Feindschaften und die Todfeindschaften nicht nutzen, um Geschäfte zu machen?“

„Ich verstehe auch heute noch nichts von Musik, aber ich habe offensichtlich die Begabung, zu erkennen, welche Musik beim Publikum ankommt und welche nicht. Das ist eigentlich eine Lieschen-Müller-Begabung.“

„Ich habe keine Beziehung, keinen Zugang zu dieser (Kir Royal)-Schickeria.“

„Aufhören? Nein, ich weiß, dass ich 14 Tage später sterben würde.“

„Das Showgeschäft ist keine parlamentarische Demokratie.“

„Kritik kann mich nicht umbringen. Ich weiß mich zu wehren.“

„Hai ist gut. Würde mich jemand Branchenregenwurm nennen, das würde mich auf die Palme bringen.“

„Ich hab mit dem Fernsehen ein Tauschgeschäft gemacht. Ihr habt alle Antennen, aber keine Ideen. Ich hab alle Ideen, aber keine Antennen.“

„Das deutsche Fernsehen verfügt über Mitarbeiter von großer Klasse und internationalem Standard. Es beschäftigt aber auch ganze Heerscharen unproduktiver grauer Mäuse.“

„Ich verkaufe in der Kirche und ich verkaufe im Puff.“

„Von der Wiege bis zur Bahre ist Musik das einzig wahre.“

„Als Verleger der ‚Internationale’ bin ich ein Wiedervereinigungs-Geschädigter.“

„Man muss unzufrieden sein, denn Unzufriedenheit ist die Wurzel für Kreativität und Aktivität.“

„Ich habe mir vorgenommen, drei Dinge in meinem Leben nicht mehr zu tun: Heiraten, ein Haus bauen und für Film und Fernsehen zu produzieren.“

„Die Welt der Unterhaltung braucht Visionäre und Macher. Wer beides in sich vereinigt, ist der Held. Ohne Helden lebt die Welt nicht.“

„Ich habe vor 20 Jahren schon festgestellt, dass die Profis aussterben und die Arschlöcher sich wie die Kaninchen vermehren. Von dieser Entwicklung ist die Volksmusik nicht ausgenommen.“

„Die Musikbranche produziert Paradiesvögel und ist doch fest in der Hand von grauen Mäusen.“

„Wenn sich das ‚Superstar’-Format in Europa durchsetzt – worauf ich jede Wette eingehe – ist der Eurovison Song Contest tot.“

„Ich war in meinem ganzen Leben nicht einen einzigen Tag angestellt. Ich wollte niemanden haben, den ich fragen muss, darf ich das. Ich habe gemacht, was ich wollte. Wenn ich gut bestrahlt war, dann war das ein Erfolg, wenn ich schlecht bestrahlt war, dann war es kein Erfolg.“

„Mit zunehmendem Alter habe ich die Menschen lieben gelernt.“

„Meine Freunde schulden mir Kritik, keine Komplimente.“

„Volksmusik ist die einzige Musik. die Amerikaner Engländer, Franzosen und Italiener nicht besser machen, als die Deutschen selbst.“

„Oft ist Feindschaft verhinderte Freundschaft.“

„Monopole verderben den Charakter.“

„Jede Sitzung, an der mehr als vier Personen teilnehmen, ist für die Katz.“

„Es gibt auch ein Menschenrecht auf Unterhaltung.“

INTERVIEW IN DER WELT AM SONNTAG, VERÖFFENTLICHT AM 20. APRIL 2014 ZUM 85. GEBURTSTAG VON HANS R. BEIERLEIN

Von Martin Scholz

Medienmanager Beierlein brachte französische Stars nach Deutschland, Fußballer zum Singen, sicherte sich die Rechte an der „Internationalen“ und drehte Filme über die Nazis. Aufhören will er nicht.

Er ist einer der letzten seiner Art, was man unter anderem an seinen Manieren erkennt. So lässt Hans R. Beierlein lange vor dem Interviewtermin anfragen, ob sein Gesprächspartner am Abend vorher Lust hätte zu einem Vorgespräch. Bei einem Essen. So viel Zeit hat heute kaum jemand mehr, schon gar nicht im Showgeschäft.

Beierlein, graue Eminenz des deutschen Musik- und Mediengeschäfts, hat ein Restaurant in München ausgesucht, ein vornehmes, nicht zu protzig. Das Personal kennt ihn. Natürlich. Mit Uli Hoeneß sei er öfter hier gewesen, erwähnt er eher beiläufig. Die Causa Hoeneß möchte er eigentlich nicht kommentieren. Es soll ein Gespräch zu Beierleins Geburtstag werden, seinem 85.

Ein bisschen Hoeneß geht dann doch: Bei der WM 1974 hatte er den ehemaligen Bayern-Boss, aber auch Beckenbauer und die anderen Spieler der Nationalmannschaft zum Singen gebracht: „Fußball ist unser Leben“. Der Song wurde ein Hit, verlegt in seiner Musikfirma Montana. Die wird jetzt von dem Branchenriesen BMG übernommen, ein Coup, den Beierlein wenige Tage vor seinem Geburtstag publik machte. Ideen, wie es weiter geht, hat er auch schon: „Fußball ist unser Leben“ wird zur WM in Brasilien neu eingesungen – allerdings nicht von Jogi Löw, sondern von Heino.

Die Welt: Wie geht es Ihnen, Herr Beierlein?

Hans Beierlein: Es geht mir wieder gut. Ich hatte mir zwar bei einem Sturz in meinem Haus die rechte Schulter verletzt, das hat mich länger beschäftigt. Es geht jetzt wieder. Ansonsten bin ich voll in der Lage, meinen Kopf zu gebrauchen. Ich bin noch da, habe Ideen – und ich kann sie auch umsetzen. Mein Credo war und ist noch immer, dass Unterhaltung keine untere Haltung ist. Es gibt ein Menschenrecht auf Unterhaltung.

Die Welt: Denken Sie mit 85 manchmal an den Tod?

Beierlein: Selten und ohne sonderliches Vergnügen. Ich lebe gern. Es wird übrigens die erste Beerdigung seit vielen Jahren sein, zu der ich persönlich erscheine.

Die Welt: Was wird dann aus Ihrem Musikverlag Montana?

Beierlein: Dafür ist vorgesorgt. Bizzi Nießlein, seit über 20 Jahren Geschäftsführerin bei Montana, wird das Haus weiterführen. Ich vertraue ihr voll und ganz. Wir haben gerade in diesen Tagen wichtige Entscheidungen getroffen. Man muss heute im Musikgeschäft global denken und agieren, deshalb sind wir jetzt eine enge Kooperation mit BMG eingegangen.

Die Welt: Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich ein Entertainment-Riese einen kleinen Verlag oder ein Label einverleibt. Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Künstler wie Stefanie Hertel oder Florian Silbereisen da untergehen?

Beierlein: Ganz im Gegenteil, für unsere Künstler und Autoren, die Montana seit 55 Jahren vertrauen, tun sich damit ganz neue Perspektiven auf. BMG wird künftig unsere Musikrechte weltweit vermarkten.

Die Welt: Wann immer Sie einen runden Geburtstag feierten, wurden Sie zuverlässig von „Spiegel“ bis „Bild“ gewürdigt, die bei solchen Anlässen ein ums andere Mal die Anekdotenmaschine anwerfen, mit all den Geschichten über Sex, Schlager und Volksmusik. Jetzt sind Sie 85. Same procedure as every year?

Beierlein: Nicht ganz. Der Papst hatte ja leider keine Zeit zu kommen. Auch sonst habe ich mich diesmal bewusst zurückgehalten. Dieses Interview für die „Welt am Sonntag“ ist das einzige, das ich gebe. Ich mache diesmal kein großes Buhei, keine große Feier. Ich werde einfach in meinem Haus in Südfrankreich sein – und die Sonne genießen.

Die Welt: Wir haben mal die wichtigsten Namen aneinandergereiht, die zwischen Ihrem 60. und 80. Geburtstag auf Sie herabgeregnet sind: Schattenmann, Strippenzieher, Pate der Volksmusik, eine Mischung aus Luis Trenker und Steppenwolf, Medien-Alchimist, Mensch gewordene Wünschelrute, König der Unterhaltung, Haifisch im Wunderland, Medien-Gemischtwarenhändler, Münchner Mabuse, Goldhamster in der Showbranche. Sind Begriffe darunter, die Sie geärgert haben?

Beierlein: Nicht einer.

Die Welt: Ist das jetzt Altersmilde?

Beierlein: Nein. Sehen Sie, man kann mir vieles nachweisen – aber ich habe nichts Grauenhaftes getan.

Die Welt: Es gibt kaum einen Pressebericht, in dem nicht über ihre zahlreichen Affären geschrieben wurde: Der „FAZ“ sollen Sie gesagt haben, Sie hätten mit 5000 Frauen geschlafen.

Beierlein: Das ist doch nicht grauenhaft. Ich habe früh erkannt, dass die Ehe keine Lebensform für mich ist. Mit Ausnahme einer kurzfristigen Episode Anfang der 60er habe ich nie geheiratet. Die Damen, die folgten, kannten meine Abneigung gegenüber Eheringen. Und was all diese Begriffe betrifft: Besser Hai als Regenwurm, oder? Ich würde jedenfalls gegen keinen dieser Begriffe vor Gericht ziehen und ihn verbieten lassen.

Die Welt: Der „Medien-Gemischtwarenhändler“ stammt von Helmut Schmidt. Das hat Sie nicht verletzt?

Beierlein: Freunden, die bei dem Treffen mit Schmidt dabei waren, ging es wie Ihnen jetzt. Sie rümpften darüber die Nase. „Medien-Gemischtwarenhändler?! Was soll das denn sein?“ Ich konnte das überhaupt nicht verstehen, denn der Begriff war völlig zutreffend. Helmut Schmidt hat zwar keine Ahnung vom Schaugeschäft, dennoch hat er meine Essenz erkannt. Ein Medien-Gemischtwarenhändler macht vieles – er kann wie ich Filme drehen, Konzepte für TV-Sendungen entwickeln, er managt Chanson- und Schlagersänger, Volksmusiker oder er verkauft Fußball-Übertragungsrechte an TV-Sender. Also, ein Gemischtwarenhändler ist ein guter Mensch.

Die Welt: Sie wurden nicht nur von Schmidt und anderen Kanzlern empfangen, sie hatten auch stets gute geschäftliche Kontakte zur DDR. Wie hatten Sie das geschafft?

Beierlein: Ich hatte zeitweise einen Dauerpassierschein für die innerdeutsche Grenze. Das war ein Dankeschön von Frau Honecker. Ich hatte ihr im Gegenzug alle Platten ihres Lieblingssängers Johannes Heesters mitgebracht.

Die Welt: Aber dann haben Sie sich die weltweiten Rechte für die „Internationale“ gesichert – mit dem Effekt, dass Honecker und andere sozialistische Staatschefs künftig zahlen mussten, wenn sie diese Hymne bei offiziellen Anlässen oder sonst wo sangen. Hat dieser Coup Ihre Beziehungen zur DDR nicht gestört?

Beierlein: Keineswegs. Ich weiß noch genau, wie ich den damaligen Justizminister der DDR deswegen anrief, das war der Vater von Gregor Gysi. „Sie singen ja jeden Morgen und Abend im Fernsehen ,Die Internationale’ bei Parteiversammlungen. Sie zahlen aber gar nicht dafür“, sagte ich ihm. Er fragte nur: „An wen sollte ich denn zahlen?“ „Künftig bitte an mich, ich besitze die Rechte.“ Ich habe die Kommunisten bezahlen lassen. Wenn Gysi gesagt hätte: „Sie dämlicher Kapitalist, was wollen Sie denn – das ist doch unsere Hymne“ – dann hätte ich mich weniger gefreut. Die DDR ist aber nicht wegen der Zahlungen, die sie an mich überwies, zugrunde gegangen – sie haben mir jährlich etwa nur 20.000 Mark überwiesen.

Die Welt: Was hatte Sie dabei eigentlich geritten? Wollten Sie den Kampf der Systeme mit Ihren Mitteln entscheiden?

Beierlein: Dem Ganzen lag der nüchterne, analytische Blick eines Musikverlegers zugrunde. Ich wusste, dass dieses Lied in allen kommunistischen Regimes gespielt wurde. Als überzeugter Kapitalist fragte ich mich: Wer kassiert eigentlich dafür? Ich fand dann heraus, dass ein kleiner französischer Verlag die Rechte besaß. Ich kaufte sie ihm für etwa 5000 Mark ab.

Die Welt: Mehr steckte nicht dahinter?

Beierlein: Doch. Die „Internationale“ ist für mich bis heute eines der wichtigsten Lieder der Welt. Einfach wunderschön, nicht nur die Musik, sondern vor allem der Text. (fängt an zu singen): Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“

Die Welt: Sind Sie tief in Ihrem Innern doch ein Linker?

Beierlein: Das wäre wohl doch übertrieben. Mir hat dieses Lied einfach immer mehr gefallen als alle anderen – die Zahlungen dafür allerdings auch. Inzwischen besitze ich die Rechte nicht mehr, 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten gehört es der Allgemeinheit.

Die Welt: Herr Beierlein, bevor Sie als „Medien-Gemischtwarenhändler“ groß Karriere machten, waren Sie Journalist und Filmemacher. 1958 veröffentlichten Sie Ihren ersten und einzigen Dokumentarfilm „Wieder aufgerollt: der Nürnberger Prozess“. Wie passt dieses schwere Thema zu der leichten Unterhaltung, die Sie später zum Multimillionär machte?

Beierlein: Sie wollen mit mir über das Schwere im Leben reden?

Die Welt: Ja.

Beierlein: Da muss ich weiter ausholen. Darf ich?

Die Welt: Bitte.

Beierlein: Ich habe als Jugendlicher die Bombardierung meiner Heimatstadt Nürnberg erlebt. Ein grauenhaftes Erlebnis. In den Jahren 1944/45 habe ich mehr Nächte im Luftschutzkeller verbracht als im Bett in meinem Zimmer. Wir sind dann irgendwann mit dem Köfferchen ins benachbarte Fürth gezogen, weil wir im zerstörten Nürnberg nicht mehr leben konnten. Ich war damals wie viele auch in der Hitler-Jugend. Und ich war als Jugendlicher gerne dort. Wir sind halt immer rausmarschiert in die Landschaft, haben gesungen. Wer aber nach dem Ende des Krieges, nach dem Bekanntwerden der Gräuel und des Holocaust noch an den Nationalsozialismus und das Dritte Reich glaubte, hat keinen Anspruch mehr zu leben. Das sage ich ganz offen! Meine Lehrer haben mir in der Schule ständig vom Führer vorgeschwärmt und erklärt, wie Deutschland die Welt bewegte. Unwissend wie ich war, habe ich das alles zur Kenntnis genommen. Als ich nach dem Ende des Krieges wieder zur Schule ging, musste ich feststellen: Die alten Nazi-Lehrer waren immer noch da. Sie grüßten zwar nicht mehr mit „Heil Hitler“, trugen natürlich auch nicht mehr Ihre NSDAP-Parteiabzeichen. Aber in ihren Köpfen saß immer noch der alte Geist fest. Ich dagegen wusste inzwischen mehr als vorher. Da dachte ich nur: „Ihr seid alle Gangster.“

Die Welt: Sie sind dreimal sitzengeblieben – schließlich von der Schule geflogen. War das Ihre Art, gegen die alten NS-Lehrer zu rebellieren?

Beierlein: Ich will es so ausdrücken: Es hat mir als Mensch gutgetan, dass ich von der Schule verwiesen wurde. Meinen Eltern hat das freilich weniger gefallen. Mich hat dieser Rauswurf geradezu beglückt. Ich habe mir dann gesagt, ich lerne auf meine Weise. Ich bin Journalist geworden, mein Einstieg war ein Artikel über den Streit zweier Schönheitsköniginnen.

Die Welt: Eher leichte Unterhaltung.

Beierlein: Wirklich prägend war ein anderes Ereignis: Unmittelbar neben meiner Schule stand das Gebäude des Nürnberger Gerichts, in dem 1945 die Prozesse gegen hochrangige Nazis stattfanden. Da war ich gerade 16. Ich weiß noch, wie alle Straßen ständig abgesperrt waren. Ich kam natürlich nicht rein. Aber ich las sehr viel darüber. Ich hatte nach dem Ende des Krieges eine unglaubliche Gier in mir, Informationen darüber aufzusaugen, was damals wirklich geschehen war. 1958 gab es dann in der „Münchener Illustrierten“ eine große Artikelserie über den Nürnberger Prozess – damals arbeitete ich schon als Filmjournalist für die „Abendzeitung“, hatte gute Kontakte in die Filmbranche. Mein erster Gedanke war: Man müsste über den Nürnberger Prozess einen Dokumentarfilm machen. Das gab es damals noch nicht. Ich nahm Kontakt zu Josef von Ferenczy auf, der die Artikelserie in der „Münchener Illustrierten“ konzipiert hatte. Ein Freund in Frankreich stellt den Kontakt zum Staatsarchiv der französischen Armee her. Ich fuhr dann das erste Mal in meinem Leben nach Paris, blieb drei Wochen dort. Ich sprach kein Französisch. Mit meinem Freund, der mir übersetzte, sichtete ich all das Filmmaterial der Prozesse. Das haben wir dann alles in dem Dokumentarfilm verwenden dürfen.

Die Welt: Sie waren zwar gut vernetzt in der Filmbranche, hatten aber als Dokumentarfilmer keinerlei Erfahrungen. Hatten Sie gar keine Zweifel, ob ein Debütfilm, zumal mit so einem Thema, für Sie ein paar Nummern zu groß sein könnte?

Beierlein: Nein, hatte ich nicht. Ich war getrieben von dem Verlangen, mehr von diesem Prozess zu sehen. In Nürnberg mussten ich und allen anderen draußen bleiben, es gab keinen Zutritt. Ich wollte aber sehen, wie sich Göring und all die anderen zu den Verbrechen, die sie begannen hatten, äußerten.

Die Welt: Was empfanden Sie, als Sie in Paris erstmals die unveröffentlichten Aufnahmen des Prozesses sahen?

Beierlein: Ich war erschrocken. Alles hat mich geschockt. Alles. Ich habe die Vernehmungen von Göring und den anderen gebannt verfolgt, mir ständig Notizen gemacht, während mein Freund übersetzte. In dem Nürnberger Prozess sind ja auch alle wichtigen Reden von Adolf Hitler eingespielt worden. Immer und immer wieder, wie er drohte: „Wir werden die Sowjetunion zerstören.“ Ich habe den Krieg in jenen Momenten noch einmal erlebt – allerdings aus einer völlig anderen Perspektive. Jener des Wissenden. Mein Film wurde damals in der ganzen Welt gezeigt – er stieß vor allem in den USA und in jenen Ländern, die unter der Herrschaft der Nazis zu leiden hatten, auf großes Interesse.

Die Welt: Sie haben den Bundesfilmpreis dafür bekommen.

Beierlein: Ja. Vom filmemacherischen Handwerk her hätte dieser Film wahrscheinlich nie einen Preis bekommen. Es war wohl eher eine Würdigung meiner Recherchearbeit, für das Öffentlichmachen. Der Film war auch mein Einstieg in das – Achtung, jetzt kommt ein böses Wort – Showgeschäft.

Die Welt: Wie meinen Sie das denn?

Beierlein: Während meiner Zeit in Paris, lernte ich damals Frankreich kennen und lieben. Nicht, was Sie jetzt denken!

Die Welt: Was denke ich denn?

Beierlein: Ich bin in Paris weder in Puffs gegangen, noch habe ich in Kirchen randaliert oder ähnlichen Quatsch gemacht. Aber obwohl ich die Sprache nicht beherrschte – und es bis heute nicht kann – habe ich mich in Frankreich gleich wohlgefühlt. Nürnberg war nach dem Krieg völlig zerstört, die Stadt war weg. Paris war dagegen kaum zerstört. Ich habe die Atmosphäre dort genossen, später viele andere wunderschöne französische Städte für mich entdeckt, ebenso wie die Lebensart, die Kultur, auch wenn das jetzt wie ein Klischee klingt. Frankreich hat mich fasziniert. Später, als ich mit meinem Musikverlag, mit Udo Jürgens und anderen Künstlern in Deutschland großen Erfolg hatte, kam mir die Eingebung: Wir Deutschen könnten von Frankreich, von seinen Ideen, seinen Künstlern und seinen Liedern ein bisschen was lernen. Ich traf mich mit Gilbert Bécaud, Charles Aznavour oder Adamo – holte sie erstmals nach Deutschland.

Die Welt: Obwohl Sie kein Französisch sprachen, wurden Sie von den großen Stars ja offenbar nicht als verhasster „Boche“ wahrgenommen. Waren Sie für Bécaud und die anderen eine Art guter Deutscher?

Beierlein: Ich war für die Franzosen vor allem ein Türöffner für den deutschen Markt. Bisher waren Sie nur in Frankreich aufgetreten, darüber hinaus gab es noch einen Markt in den ehemaligen Kolonien. Die meisten waren noch nie im Nachbarland aufgetreten. Ich organisierte Tourneen, konzipierte TV-Shows wie den ZDF-„Liederzirkus“, in denen französische Künstler regelmäßig auftraten und sogar Deutsch sangen. Später entwickelte ich für Paul Bocuse die erste Koch-Show im deutschen Fernsehen. Wir haben über Musik gesprochen, übers Essen, über das, was uns verbindet. Der Krieg war kein Thema mehr. Wir alle wollten den Krieg vergessen. Sehen Sie: Frankreich war ein Siegerland, Deutschland ein Verliererland. Wenn es gelingt, ein Siegerland zu Freunden zu machen, kann das doch keine schlechte Idee sein.

Die Welt: Sie haben für Ihre Art des deutsch-französischen Austausches später das Bundesverdienstkreuz bekommen. Sind Sie stolz darauf?

Beierlein: Sicher. Meine Bemühungen, Franzosen und Deutsche einander näherzubringen, haben da sicher eine Rolle gespielt. Es war aber wohl nicht der alleinige Grund. Wenn ich an Francoise Hardy denke, komme ich heute noch ins Schwärmen. Sie war damals eine meiner wichtigsten französischen Künstlerinnen. Sie sprach Deutsch, verbrachte sogar ihren Urlaub in Deutschland. Und … ein wunderschönes Mädchen, 1,83 Meter groß, die Haare 2,90 Meter lang. Hardy und Bécaud, sie waren gerne in Deutschland. Bécaud war hier so populär wie zum damaligen Zeitpunkt Udo Jürgens. Udo hat damals Lieder auf Französisch gesungen, Bécaud sang Deutsch – es war alles machbar. Ich weiß noch, wie ich mal mit Bécaud übers Oktoberfest zog – da war was los, kann ich Ihnen sagen. Die Leute haben alles stehen und liegen lassen und sich auf ihn gestürzt.

Die Welt: Obwohl ein zweisprachiger Sender wie Arte heute fast eine Selbstverständlichkeit ist, hat sich die Leidenschaft für Deutsch-Französisches in den letzten Jahren merklich abgekühlt, es ist ein geschäftsmäßiges Nebeneinander. Woran liegt das?

Beierlein: Weil ich mich nicht mehr darum gekümmert habe.

Die Welt: Mal ernsthaft: Gibt es noch einen Grund?

Beierlein: Ich hatte ja zeitweise ein Büro mit acht Zimmern in Paris, Avenue Foche. Großartige Zeit. Aber Bécaud ist tot. Piaf ist tot, viele sind gestorben. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Mir war es zum damaligen Zeitpunkt irgendwann wichtiger, mich um Udo Jürgens zu kümmern, als einen neuen Franzosen bei uns aufzubauen.

Die Welt: Charles Aznavour geht jetzt mit 90 auf Tournee, Udo Jürgens mit 80. Auch wenn Sie beide nicht mehr managen – werden Sie hingehen?

Beierlein: Was die beiden Herren auf der Bühne vollbringen, hat meine volle Bewunderung. Ich würde es mir nicht zutrauen. Aber das war vor 50 Jahren nicht anders. Das Entwickeln von Ideen und neuen Projekten macht mir aber immer noch Freude, treibt mich an. Und ja, ich würde mir Aznavour und Udo Jürgens gerne ansehen, wenn sie auf Tournee gehen.

Die Welt: Wie kommt es, dass Sie bei all Ihrer Begeisterung für Frankreich bis heute nicht Französisch gelernt haben?

Beierlein: Was heißt „Arschloch“ auf Französisch?

Die Welt: „Trou de cul“ oder, als Schimpfwort, kurz und knapp: „con“

Beierlein: Dann bin ich ein „Con“. Weil ich, was das Französischlernen betraf, einfach ein faules Arschloch war. Leider.

Die Welt: Herr Beierlein, neben den Chansons haben Sie sich als Pate der Volksmusik einen Namen gemacht und zig TV-Sendungen dazu konzipiert. Die englische Ausgabe der „Financial Times“ schrieb über Sie, ohne Sie wäre die Volksmusik im deutschen Fernsehen längst ausgestorben. Zurzeit sieht es aus, als würde genau das eintreffen, immer mehr Sendungen werden eingestellt. Hat sich die Volksmusik überlebt?

Beierlein: Quatsch. Wir müssen heute nicht für jeden jungen Nasenbohrer krampfhaft ein eigenes Programm entwickeln. Es sind immer noch vorwiegend ältere Menschen, die sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen anschauen. Und die Alten werden immer mehr. Die müssen sich derzeit durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen sehr schlecht behandelt fühlen.

Die Welt: Alte sind für die werbetreibende Industrie keine relevante Zielgruppe – das wissen Sie als Medien-Gemischtwarenhändler auch.

Beierlein: Ich zahle aber Gebühren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Und ich finde diesen Ansatz zynisch. Wenn ich heute eine Zeitschrift gründen würde, würde ich sie „Leben“ nennen und für alte Menschen konzipieren. Denn wir alten Menschen leben ja noch, wir sind ja noch da. Man kann den Alten doch nicht sagen: „Du bist ein alter Sack. Dich wollen wir nicht! Geh die Tauben füttern.“ Das ist doch unerträglich.

Die Welt: Das regt Sie ganz schön auf!

Beierlein: Das ist mein Kommentar zum Umgang mit den Alten in unserer Gesellschaft. Jetzt noch was zur Volksmusik. Ich kenne die Frau des chinesischen Staatspräsidenten, die auch die erfolgreichste Sängerin Chinas ist. Sie verkaufte von jedem Tonträger Millionen. Ein amerikanischer Journalist fragte sie mal: „Wie nennt man denn die Musik, die Sie da machen?“ Da antwortete sie: „Volksmusik.“ Das Wort hat in China einen ganz anderen, positiven Klang.

Die Welt: Beierlein has to go to China?

Beierlein: Lassen Sie sich überraschen.